TERRE DES FEMMES Städtegruppe Leipzig


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„Wollte Gott, ich wäre eine Frau!“

Dramatisches Sommertheater: „Yerma“

Die Kulturwerkstatt KAOS (Kunst, Aktion, Objekt, Spiel) in Lindenau bietet auch dieses Jahr ein Sommertheaterstück auf der wohl kleinsten und schönsten Seebühne Leipzigs. Mit dem Stück des spanischen Autors Federico García Lorca (ein homosexueller Dichter und Autor, 1936 durch eine Falange-Milizgruppe ermordet) erwartet das Publikum kein – wie sonst oft üblich im Theatersommer – romantischer Klamauk. „Yerma“ ist ein Drama, das u.a. den Fragen nachgeht: Ab wann ist die Frau eine Frau? Braucht es für das Frauwerden oder -sein ein Kind? Was macht Kinderlosigkeit mit einer Frau in einer Gesellschaft, die die Frau einzig in der Rolle als Versorgerin sehen will? Welche Rolle spielt hierbei der Mann? „Yerma“ ist aber auch ein Stück über die Sehnsucht nach erfüllender Erotik und Sexualität. Lorcas poetische Sprache verschlüsselt die Wünsche und Begierden der Frauen – und macht auf diese Weise eine Klarheit möglich, die jeder Frau zu wünschen ist.

Das Stück entstand 1934, Schauplatz ist das ländliche Andalusien. Die Inszenierung ist text- und handlungstreu. Vielleicht ist aber doch noch nicht alles Schnee von gestern…?

 

Inhalt:

YermaYerma findet in ihrer Ehe mit dem reichen Bauern Juan keine Erfüllung. Ihr Mann arbeitet Tag und Nacht auf dem Feld und hat kein Verständnis für Yermas Sehnsucht nach einem Kind. Dafür wacht er eifersüchtig über die Tugend seiner Frau. Yerma fühlt sich zu dem Hirten Viktor hingezogen, verdrängt aber ihre Gefühle. Um einen Fehltritt zu verhindern, holt Juan seine beiden schweigsamen, unverheirateten Schwestern als Aufpasserinnen ins Haus. In ihrer Verzweiflung über ihre Kinderlosigkeit sucht Yerma Rat bei einer Geisterbeschwörerin, was ihr aber nur den Zorn ihres gekränkten Mannes einbringt. Schließlich unternimmt sie eine Wallfahrt zur heiligen Quelle der Fruchtbarkeit, die Schauplatz eines orgiastischen Treibens ist…

 

Was? Sommertheater. „Yerma“

Wann? Premiere am Sa, 22.Juni; Sa+So, 29.+30. Juni; Fr+Sa, 5.+6. Juli, jeweils 20:30 Uhr

Wo? Kulturwerkstatt Kaos, Wasserstraße 18

Eintritt: 10€, ermäßigt 6€

Infos/Kartenvorbestellungen: 0341/48 038 41, tanz-theater-musik(at)kaos-leipzig.de, www.kaos-leipzig.de

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Emanzipatorische Pornographie? Frau=Mensch=fertig?

Zwischen dem 12. und dem 20. Juni 2013 finden in Leipzig eine ganze Programmwoche zum Christopher Street Day statt; in diesem Jahr unter dem Motto „L(i)eben und L(i)eben lassen“. In deren Rahmen möchten wir insbesondere die beiden Veranstaltungen des Landesarbeitskreis „Gender“ (LAK-Gender) der Linksjugend Sachsen empfehlen. In Ersterer wird der bekannte SM-Roman „Die Geschichte der O.“ als Grundlage für die nicht enden wollende (und könnende?) Diskussion zum Thema „Emanzipatorische Pornographie“ herangezogen. In Zweiterer wird ein kritischer Blick auf die bisherige Entwicklung und (das) momentan bestehende Frauenbild(er) geworfen.

 

„Ich werde sein, was sie wollen, das ich sein soll – die Geschichte der O.“

1954 veröffentlichte Pauline Réage einen der bis heute bekanntesten SM-Romane: „Die Geschichte der O.“, die für enormen Aufruhr gesorgt hat. Kritiker lobten das Werk als „anspruchsvolle Pornographie“ oder zerschmetterten es aufgrund „sexualfaschistischer“ Intentionen.
Die Protagonistin O. wird in eine illustre Gemeinschaft eingeführt, in der sie  jederzeit und für jeden Mann sexuell verfügbar zu sein hat. So demütigend diese Situation für sie ist, überrascht es umso mehr, daß sie unverzüglich, bewusst und freiwillig, ihren eigenen Willen aufgibt und sich den Regularien fügt.

Der Roman verdankt seine Resonanz oft tabuisierten und dennoch womöglich weit verbreiteten weiblichen masochistischen Phantasien. Im Rahmnen der Veranstaltung soll die Ursache der Attraktivität derartiger Phantasien auf den Grund gegangen werden – „O. strebt nach der Vernichtung, und die Demütigung ist die absolute Vernichtung.“ (P. Réage)
Inspiriert durch die „Geschichte der O.“ gründete sich in den 80er Jahren eine feministisch-lesbische Gruppe, die überzeugt war, daß sadomasochistische Praktiken durchaus in Übereinstimmung mit dem Feminismus möglich sind. Es stellt sich die Frage, ob gewalttätige, auf Basis hierarchischer Strukturen, praktizierte Sexualität von vornherein antifeministisch und antiemanzipatorisch sein muss oder ob es sich bei diesem Werk um „zulässige“, lustvolle Pornographie handelt. Ist emanzipatorische Pornographie überhaupt möglich?

Im Rahmen der Veranstaltung werden Auszüge aus dem Roman gelesen sowie Ausschnitte aus dem Erotikfilm „Die Geschichte der O.“ gezeigt. Anschließend soll die Diskussion über das Werk und seine Relevanz eröffnet werden.

 

Was? Kritische Lesung und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Ich werde sein, was sie wollen, das ich sein soll – die Geschichte der O.“

Wer? LAK-Gender der Linksjugend Sachsen, Referentinnen: Korinna Linkerhand, Sabrina Zachanassian

Wann? 15.Juli 2013, 20 Uhr

Wo? Die ganze Bäckerei, Casablanca e.V., Josephstraße 12

Infos: www.csd-leipzig.de

 
 

Von der Menschwerdung der Frau – zur Entwicklung des Frauenbildes und der Frauenbewegung

Ein erschreckend großer Anteil der Bevölkerung hält den Emanzipationsprozess der Frauen in der westlichen Welt im Großen und Ganzen für abgeschlossen. Gerade die 68er-Bewegung wird hierfür häufig als Stein des Anstoßes verstanden. Es ist jedoch fraglich, ob die 68er-Frauen tatsächlich stärker an beispielsweise politischen Aktionen beteiligt waren und ob das Konzept der freien Liebe sich nicht eher am Interesse der männlichen „Revolutionäre“ orientierte. Slogans wie: „Wer zweimal mit der Selben pennt, gehört schon zum Establishment“ stimmen doch sehr nachdenklich.

Neben der Betrachtung dieser feministischen Gehversuche, die zur zweiten Frauenbewegung führten, soll untersucht werden, wie sich der weibliche Emanzipationsprozess und das Frauenbild über die Jahrhunderte hinweg gewandelt hat – von vorchristlichen Zeiten bis hin zu der modernen, emanzipierten aber auch vielfach belasteten Frau, die sowohl die weiblich konnotierten wie die männlichen Aufgaben in sich vereint, während das Männerbild zugleich kaum einem Wandel unterworfen war.

Diese verschiedenen Identitäten, die Frauen inzwischen weitläufig verinnerlicht haben, werden durch den gegenwärtigen Feminismus und der Queer-Bewegung oft als nebeneinanderstehende Differenzen positiviert. Ist diese Bewertung aber nicht lediglich ein Zugeständnis an die Anforderungen der gegenwärtigen gesellschafts-ökonomischen Verhältnisse? Haben sich die Frauen wirklich befreit? Oder folgen sie nur wieder gehorsam den gesellschaftlichen Notwendigkeiten?
Sind die Frauen am Ende gar die „modernen Männer“?

 

Was? Vortrag „Von der Menschwerdung der Frau“

Wer? LAK-Gender linksjugend Sachsen, Referentin: Sabrina Zachanassian (Initiative Sexualität und Gesellschaft Leipzig)

Wann? 16.Juli 2013, 19 Uhr

Wo? linkXXnet e.V., Bornaische Str. 3d

Infos: www.csd-leipzig.de


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Buchmesse Leipzig 2013: „Die Zeit des Schweigens ist vorbei“

Vom 14.-17. März finden die diesjährige Leipziger Buchmesse und die damit verbundenen Veranstaltungen der Reihe „Leipzig liest“ statt. Besonders ans Herz gelegt sei die Buchvorstellung der Leipzigerin Mandy Kopp. Die Veröffentlichung von „Die Zeit des Schweigens ist vorbei“ ist für die Autorin zum einen der Versuch der Bewältigung ihrer Vergangenheit, zum anderen die klare, mutige Ansage an Behörden und Justiz – den Sachsensumpf: Hier geht es um die Anerkennung der Würde und Gerechtigkeit einer Frau!

Mandy Kopp wurde 1993 als 16-Jährige zur Prostitution im damaligen Leipziger Kinderbordell „Jasmin“ gezwungen. In einer ZeugInnenvernehmung im Jahr 2008 gaben Mandy Kopp und eine weitere Zeugin namens Trixi an, den ehemaligen Vizepräsidenten des Leipziger Landgerichts sowie den aktuellen Präsidenten des Landgerichts Chemnitz als Freier im Leipziger Kinderbordell auf Fotos wiedererkannt zu haben. Die beiden hochrangigen Juristen bestreiten dies bis heute. In früheren Vernehmungen durch die Polizei wurden die Mädchen des Bordells jedoch nie zu den Freiern befragt, auch nicht vor Gericht. Zudem wurden damals keine PsychologInnen hinzugezogen. Stattdessen war in der Anklage stets von „Prostituierten“ die Rede – als ob es sich nicht um Minderjährige handelte würde, die zum Sex gezwungen wurden. Zu allem Übel stehen Mandy Kopp und Trixi seit dem 6. März 2013 wegen Verleumdung vor Gericht. So werden aus Opfern Täterinnen gemacht! Ihr damaliger Zuhälter, der wegen Menschenhandel in Tateinheit mit Zuhälterei, Förderung der Prostitution und sexuellem Missbrauch von Kindern verurteilt wurde, ist bereits seit 1998 nach nur vier Jahren und zwei Monaten Haft wieder auf freiem Fuß.

Vor dem Hintergrund dieses Sumpfes aus fragwürdigen Gerichtsurteilen und Verstrickungen Staatsbediensteter in sexuelle Handlungen mit Kindern, ist es ein unglaublich mutiger Schritt von Mandy Kopp, ihr Buch zu veröffentlichen. Nicht zuletzt aus Respekt dieser Kämpferin gegenüber sollte man sich die folgenden Termine merken.

Was? Gespräch zu „Die Zeit des Schweigens ist vorbei“
Wann? 16. März 2013, 16:30 – 17:00 Uhr
Wo? LVZ-Autorenarena Halle 5, Stand A100
Infos? http://www.leipziger-buchmesse.de
und
Was? Lesung und Gespräch
Wann? 16. März 2013, 18:00
Wo? Tagungslounge Katharinenstr. 6
Infos? http://www.atelier-mandy-kopp.de


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Filmempfehlung: „Festung“

Am 27.11.2012 zeigten die Passage Kinos Leipzig auf Wunsch der TERRE DES FEMMES Städtegruppe Leipzig eine Preview des Films Festung, das unter die Haut gehende Spielfilmdebüt der finnischen Regisseurin Kirsi Marie Liimataien. Auf sensible und zugleich deutliche Art behandelt der Film das Thema Häusliche Gewalt; ein Tabu-Thema, obwohl jede vierte Frau in der BRD* bereits Formen der häuslichen Gewalt erlebt hat.

Der Film zeigt die Folgen der unkontrollierten physischen wie psychischen Gewalttätigkeit des Familienvaters und Ehemanns Robert (Peter Lohmeyer) gegenüber seiner Familie. Festung_Schwestern_Kordes&Kordes Film_Sven MeyerNach einem Therapieaufenthalt ist er bei seiner Frau Erika und den beiden noch zu Hause lebenden Kindern wieder eingezogen. Entgegen aller Hoffnung hat sich doch nichts zum Besseren gewendet. Wieder leben Mutter und Töchter in Angst und verschließen sich in der Festung, hinter dem Rollladen, im abgedunkelten Schlafzimmer. Niemand darf davon erfahren, dass der gewalttätige Vater seine Frau – beängstigend macht- und wehrlos gespielt von Ursina Lardi – blutig schlägt. Auch die 13-jährige Johanna (herzergreifend ehrlich von der Jungschauspielerin Elisa Essig verkörpert) muss sich an das Gebot „Nichts dringt nach außen!“ halten, die Gewalt an ihrer Mutter ertragen, ohne sie schützen zu können und zugleich den psychischen Schaden, der ihrer kleinen Schwester droht, zu minimieren versuchen. Als sich Johanna dann auch noch in den 15-jährigen Christian verliebt, verkompliziert sich ihre Situation einmal mehr. Hin- und hergerissen zwischen der Loyalität ihrer Familie gegenüber und den ersten Schmetterlingen im Bauch sowie dem damit einhergehenden Wunsch nach Selbstverwirklichung, versucht Johanna die Situation zu meistern. Doch die Festung ist stark…

Der Film schafft die bedrohliche Atmosphäre nicht durch Faustschläge, sondern vor allem durch Geräusche, die aus dem Schlafzimmer dringen, wenn Robert die Mutter schlägt; durch Angst in den Blicken der Geschwister, Sprachlosigkeit der Familienmitglieder. Festung_Eltern_Kordes&Kordes Film_Christine A. MaierIn erster Linie aus der Sicht Johannas wiedergegeben, konfrontiert die Handlung das Publikum mit der Machtlosigkeit und Überforderung der Figuren. Doch trotz aller Trostlosigkeit, die „Festung“ an einigen Stellen vermittelt, gibt es einen Hoffnungsschimmer in der mächtigen Bewegungslosigkeit aus Angst und Abhängigkeiten: Auch die Liebe zwischen Johanna und Christian ist stark…

Dem Film ist unbedingt noch mehr Aufmerksamkeit zu wünschen, als er bisher bereits bekam! Zwar wurde die Drehbuchautorin Nicole Armbruster im Rahmen der 60.Filmfestspiele in Berlin 2010 mit dem Thomas Strittmatter Drehbuchpreis ausgezeichnet, doch ist zu hoffen, dass er ein noch wesentlich breiteres Publikum findet.

Derzeit liegen uns leider keine aktuellen Spielzeiten vor.

Weitere Informationen erhalten Sie unter folgenden Adressen:

Verleih:
farbfilm verleih GmbH
Boxhagener Str. 106
10245 Berlin
Tel.: 030/ 29 77 29-0
http://www.farbfilm-verleih.de

Produktion:
Kordes & Kordes Film GmbH
Feurigstr. 54
10827 Berlin
Tel.: 030/ 780 96 780
http://www.kordesfilm.de

Presse:
Entertainment Kombinat
Jasmin Knich
Boxhagener Str. 106
10245 Berlin
Tel.: 030/ 29 77 29-20
http://www.entertainmentkombinat.de

* Laut einer 2002 von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen repräsentativen Studie

Bildmaterial © Kordes & Kordes Film Christine A. Maier + Kordes & Kordes Film Sven Meyer


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Buchrezension „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“

Heinz-Jürgen Voß: „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“
Pink auf Schwarz: Anschluss an Judith Butlers Zweifel
Buchcover_Geschlecht

Ebenso wie der im Jahr 2011 erschienene Titel Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, wird auch der Nachfolger Geschlecht: Wider die Natürlichkeit von Heinz-Jürgen Voß – glücklicherweise – von sich Reden machen. Anlass dazu bietet der weit gespannte und an keiner Stelle überspannte Bogen von alten und neuen Diskussionen zum Konstrukt Geschlecht. So haben Theorien nach Beauvoir (historisch) und Butler (aktuell) ebenso ihren Platz in dem circa 200 Seiten umfassenden Sachbuch, wie historische und aktuelle biologische Geschlechtermodelle und letztendlich sich an Marx orientierende, gesellschaftskritische Forderungen.

Der Biologe Voß geht in seinen Texten, ebenso wie Karl Marx und Simone de Beauvoir, stets von der Situation der gesellschaftlich nicht Privilegierten aus, was seine Perspektive von vielen bisher publizierten wissenschaftlichen Texten und Forschungen unterscheidet. Voß stellt somit die Bedürfnisse derjenigen Menschen in den Mittelpunkt, die bisher kaum Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzungen waren. In keiner Weise wird dabei die Existenz von Geschlechtern geleugnet; zumindest in unseren Köpfen sind sie zweifellos real. Hierbei wird häufig und passend Beauvoir zitiert: „Selbstverständlich kann keine Frau, ohne unaufrichtig zu sein, behaupten, sie stünde jenseits ihres Geschlechts… Wenn wir es auch ablehnen, sie (die Frau) mit dem ewig Weiblichen zu erklären, aber gelten lassen, dass es, zumindest vorläufig, Frauen auf der Erde gibt, müssen wir uns wohl die Frage stellen: was ist eine Frau?“ („Das andere Geschlecht“ 1949)

Voß selbst bringt den Sachverhalt mit folgenden Worten auf den Punkt: „Nur weil real ‚Frauen‘ und ‚Männer‘ und Unterschiede zwischen ihnen festgestellt wurden, heißt das nicht, dass sie vorgegeben sind und dass man in Gedanken des ‚Ewigweiblichen‘ oder ‚Ewigmännlichen‘ verfallen müsste.“ Zudem wird mehrfach angeführt, wie auch das biologische Geschlecht (’sex‘) keiner Natürlichkeit unterlegen sei; ein Punkt, an dem wir bereits mit Judith Butler waren. In diesem Kontext gibt Voß Einblick in aktuelle Erkenntnisse der Biologie, die die Existenz vieler Geschlechter demonstriert. Noch immer aber werden Penis und Vagina, Hoden und Eierstöcke, Samenzellen und Eizellen als die wichtigsten Merkmale angesehen, da sie den Fortbestand des Menschen sichern. Diese Merkmale werden regelmäßig in Diskussionen als Argument für die natürliche Gegebenheit von Zweigeschlechtlichkeit herangezogen – und lassen all jene außen vor, denen die biologische Voraussetzung zur Fortpflanzung fehlt. Voß betont an dieser Stelle vehement, dass es auf keinem Gebiet eine Natürlichkeit geben könne, da nichts, was uns umgibt oder was wir wahrnehmen, außerhalb der Gesellschaft entstehe. Die Unterscheidung nach dem Geschlecht erscheine uns so natürlich, weil wir mit genau dieser Unterscheidung aufgewachsen sind. Auch die entsprechende Forschung unterteile von vornherein in ‚Frau‘ und ‚Mann‘ und stelle auf diesem Weg Differenzen von jenen beiden Gruppen fest. Zutreffend sei aber, so Voß, dass es bislang kein auch nur einigermaßen stimmiges und fundiertes Modell der Geschlechtsdetermination und -differenzierung gäbe.

Auf den Punkt gebracht bedeutet dies, dass wir vom allerersten Atemzug an von der Einteilung nach dem Geschlecht geprägt sind; ein Schleier der vermeintlichen Natürlichkeit breitet sich über diesem Konstrukt aus. Wobei wir wieder bei Marx angekommen sind, der unter anderem im Kapital festhält, dass der Mensch gesellschaftlich sehe, höre, rieche, schmecke, fühle, denke, anschaue und tätig sei, wodurch letztendlich klar wird, dass es eben keine mächtige Instanz gibt – Gott schon lange nicht mehr und ebensowenig die Biologie – die uns an der freien Entfaltung hindern könnte. Es existieren keine natürlichen, unabänderlichen Gründe, die noch länger herangezogen werden könnten, um Menschen in ihren Möglichkeiten zu beschränken. Klingt am Ende doch nur nach einer Prise Romantik? Mehr noch – Voß fordert zum Schluss sich selbst und alle anderen auf, an die Utopie einer gerechten Gesellschaft zu glauben und dafür in diesem Moment tätig zu werden. Das tut nach einem Exkurs durch die entwicklungsreichen Jahrhunderte der Gesellschaftskritik, Biologie und Genetik gut. Es rüttelt wach und motiviert zum Überdenken der persönlichen Einstellung. Mensch kann ja zur Sicherheit das schwarz-pinke Büchlein in die Hosentasche stecken, um für Diskussionen aller Art („Aber Frauen haben doch nun mal nicht so viele Muskeln wie Männer!“, „Aber es sind schon immer Männer jagen gegangen und Frauen haben Kinder bekommen“, „Aber es gibt nun mal bestimmte Gene, die für die Ausbildung eines bestimmten Geschlechtes zuständig sind.“…) mit Argumenten und weitreichender Sicht ausgerüstet zu sein. Voß gelingt mit seinen tiefgreifenden und zugleich anschaulichen Ausführungen mehreres: Er stellt den Terminus der ‚Natürlichkeit‘ in Frage und schafft Klarheit sowie Optimismus gegenüber der Hoffnung, dass wir etwas verändern können.

– Lilith

Heinz-Jürgen Voß: „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“
1. Auflage 2011, 180 Seiten, 10 €.
ISBN 3896576631
http://www.schmetterling-verlag.de