TERRE DES FEMMES Städtegruppe Leipzig

Offener Brief: Kritik an Frauen- und Männerrollen im Kinderbuch

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Offener Brief an die Autorin und den Verlag arsEdition des Buches „Mein erstes Bilderlexikon“ – wir hoffen auf Antwort!

 

Sehr geehrte Damen und Herren der arsEdition GmbH,

sehr geehrte Frau Peikert,

uns liegt das von Ihnen publizierte Buch „Mein erstes Bilderlexikon“ von Marlit Peikert aus der Reihe „Meine erste Lernraupe“ vor. Wir, das sind die Vertreterinnen der Terre des Femmes-Städtegruppe Leipzig. Das Bilderlexikon gehört dem zweijährigen Kind eines Gruppenmitgliedes – so geriet das Buch in unsere Finger und wurde dadurch Gegenstand einer empörten Diskussion.

Die Empörung bezieht sich auf das dargestellte Mann-Frau-Schema, insbesondere die Rollenverteilung. Auf 22 Seiten mit rund 180 Bildern tritt die Frau einzig und allein als Mutter und Erzieherin auf. Sie bastelt mit den Kindern, geht mit ihnen einkaufen, spazieren, fährt mit ihnen im Bus, bringt sie ins Bett. Das bedeutet, sie ist von früh bis abends mit dem Kind/den Kindern beschäftigt und mit keiner eigenen Aktivität- – selbst ihr Beruf besteht einzig und allein in der Kinderbetreuung.

Selbstverständlich wollen wir damit nicht den Wert dieser hoch anspruchsvollen und wichtigen Tätigkeit schmälern, sondern lediglich darauf hinweisen, dass das Bild hierdurch höchst einseitig bleibt, indem der Frau selbst im Berufsleben nur die Rolle der Erzieherin zugestanden wird. Zudem handelt es sich um eine Tätigkeit, die kaum Karrieremöglichkeiten bietet, die leider nach wie vor unterbezahlt und gesellschaftlich nicht ausreichend anerkannt ist und zudem ausschließlich im Rahmen einer familienähnlichen Situation verharrt.

Neben der Tatsache, dass eine Frau außerhalb der Mutterschaft und des Hauses in Ihren Augen nicht zu existieren scheint, fällt zudem auf, dass sie grundsätzlich jung zu sein hat. Der Mann wird demgegenüber in vielfältigen Positionen und Situationen gezeigt: Als Verkäufer, Gärtner (bzw. im Garten arbeitender Großvater), Bauarbeiter (in dieser Position gleich auf drei Bildern); als Fahrer des Müllautos, der Kehrmaschine und der Feuerwehr; als Besitzer des Abschleppwagens und als Bauer (ebenfalls auf mehreren Bildern). Trotz dieses stark ausdifferenzierten Männerbildes mussten wir jedoch feststellen, dass der Mann in seiner Funktion als Vater lediglich in Verbindung zur Mutter auftaucht und selbst das nur während der Unterhaltung des Kindes. Daraus wird klar ersichtlich, dass seine Rolle keinesfalls die des Kinderbetreuers sein soll, während er stattdessen in allen Lebensbereichen aktiv ist – ganz im Gegensatz zur Mutter. Er hat verschiedene Berufe, kann ganz unterschiedliche Tätigkeiten ausüben und besitzt eine breite Palette an Fertigkeiten, hat eigenen Besitz, ist finanziell unabhängig und auch noch in hohem Alter aktiv.

Die lange dominante und leider noch immer vorhandene ungleiche Verteilung der Lebensbereiche, von finanziellen über wirtschaftliche hin zu familiären Strukturen, wird von Ihnen als universell gegeben dargestellt und nicht im Ansatz der Versuch unternommen, eine gleichberechtigte Präsentation aller Menschen zu entwerfen. Dabei handelt es sich insgesamt um ein längst überholtes und mehr als fragwürdiges Gefüge von Geschlechterrollen, das in dieser Form längst nicht mehr dem Standard entspricht.

Die Autorin des Buches und der Verlag haben sich laut eigener Buchbeschreibung das Ziel gesetzt, Kinder beim Spracherwerb, „…einem der größten und wichtigsten Entwicklungsschritte“, zu unterstützen. Für das Bilden erster Sätze wurden dabei „…Themenspektren von für Kinder vertraute Situationen“ gewählt. Wir sind enttäuscht davon, dass Sie Kindern ein höchst einseitiges, sexistisches Themenspektrum aufzeigen in der Annahme, dass diese Situationen dem Alltag der Kinder entsprechen. Und selbst wenn dies in vielen Familien noch traurige Wahrheit sein sollte, sollte dann nicht der Anspruch eines pädagogischen Kinderbuches sein, andere Perspektiven aufzuzeigen? Was hat Sie daran gehindert, einen Kindergärtner abzubilden, eine alte Gärtnerin zu zeichnen oder den Vater eine Geschichte vorlesen zu lassen? Warum sollten Sätze wie „Papa kauft Äpfel“ oder „Mama arbeitet“ nicht die ersten aus den Kindermündern sein? Des Weiteren müssen wir uns fragen, worauf sich das auf dem Buchumschlag abgebildete Siegel „von erfahrenen Pädagogen geprüft und empfohlen“ bezieht. Welche Pädagogen haben sich mit der Bildauswahl beschäftigt und unter welchen Kriterien? Die Relevanz geschlechtsbezogener Diskriminierung wird hier offenkundig verkannt, wodurch das Buch seinem pädagogischen Anspruch insgesamt keinesfalls gerecht wird – es wird vollkommen vergessen, dass gerade Kinder, weil sie wachsam und nachahmend sind, für Geschlechtsstereotype empfänglich sind. Und dass gerade dieser Umstand auch die Ressource zum Umbruch beinhaltet.

Wir erwarten Ihre Stellungnahme und verabschieden uns mit freundlichen Grüßen,

die Terre des Femmes-Städtegruppe Leipzig

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