TERRE DES FEMMES Städtegruppe Leipzig

Buchrezension „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“

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Heinz-Jürgen Voß: „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“
Pink auf Schwarz: Anschluss an Judith Butlers Zweifel
Buchcover_Geschlecht

Ebenso wie der im Jahr 2011 erschienene Titel Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, wird auch der Nachfolger Geschlecht: Wider die Natürlichkeit von Heinz-Jürgen Voß – glücklicherweise – von sich Reden machen. Anlass dazu bietet der weit gespannte und an keiner Stelle überspannte Bogen von alten und neuen Diskussionen zum Konstrukt Geschlecht. So haben Theorien nach Beauvoir (historisch) und Butler (aktuell) ebenso ihren Platz in dem circa 200 Seiten umfassenden Sachbuch, wie historische und aktuelle biologische Geschlechtermodelle und letztendlich sich an Marx orientierende, gesellschaftskritische Forderungen.

Der Biologe Voß geht in seinen Texten, ebenso wie Karl Marx und Simone de Beauvoir, stets von der Situation der gesellschaftlich nicht Privilegierten aus, was seine Perspektive von vielen bisher publizierten wissenschaftlichen Texten und Forschungen unterscheidet. Voß stellt somit die Bedürfnisse derjenigen Menschen in den Mittelpunkt, die bisher kaum Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzungen waren. In keiner Weise wird dabei die Existenz von Geschlechtern geleugnet; zumindest in unseren Köpfen sind sie zweifellos real. Hierbei wird häufig und passend Beauvoir zitiert: „Selbstverständlich kann keine Frau, ohne unaufrichtig zu sein, behaupten, sie stünde jenseits ihres Geschlechts… Wenn wir es auch ablehnen, sie (die Frau) mit dem ewig Weiblichen zu erklären, aber gelten lassen, dass es, zumindest vorläufig, Frauen auf der Erde gibt, müssen wir uns wohl die Frage stellen: was ist eine Frau?“ („Das andere Geschlecht“ 1949)

Voß selbst bringt den Sachverhalt mit folgenden Worten auf den Punkt: „Nur weil real ‚Frauen‘ und ‚Männer‘ und Unterschiede zwischen ihnen festgestellt wurden, heißt das nicht, dass sie vorgegeben sind und dass man in Gedanken des ‚Ewigweiblichen‘ oder ‚Ewigmännlichen‘ verfallen müsste.“ Zudem wird mehrfach angeführt, wie auch das biologische Geschlecht (’sex‘) keiner Natürlichkeit unterlegen sei; ein Punkt, an dem wir bereits mit Judith Butler waren. In diesem Kontext gibt Voß Einblick in aktuelle Erkenntnisse der Biologie, die die Existenz vieler Geschlechter demonstriert. Noch immer aber werden Penis und Vagina, Hoden und Eierstöcke, Samenzellen und Eizellen als die wichtigsten Merkmale angesehen, da sie den Fortbestand des Menschen sichern. Diese Merkmale werden regelmäßig in Diskussionen als Argument für die natürliche Gegebenheit von Zweigeschlechtlichkeit herangezogen – und lassen all jene außen vor, denen die biologische Voraussetzung zur Fortpflanzung fehlt. Voß betont an dieser Stelle vehement, dass es auf keinem Gebiet eine Natürlichkeit geben könne, da nichts, was uns umgibt oder was wir wahrnehmen, außerhalb der Gesellschaft entstehe. Die Unterscheidung nach dem Geschlecht erscheine uns so natürlich, weil wir mit genau dieser Unterscheidung aufgewachsen sind. Auch die entsprechende Forschung unterteile von vornherein in ‚Frau‘ und ‚Mann‘ und stelle auf diesem Weg Differenzen von jenen beiden Gruppen fest. Zutreffend sei aber, so Voß, dass es bislang kein auch nur einigermaßen stimmiges und fundiertes Modell der Geschlechtsdetermination und -differenzierung gäbe.

Auf den Punkt gebracht bedeutet dies, dass wir vom allerersten Atemzug an von der Einteilung nach dem Geschlecht geprägt sind; ein Schleier der vermeintlichen Natürlichkeit breitet sich über diesem Konstrukt aus. Wobei wir wieder bei Marx angekommen sind, der unter anderem im Kapital festhält, dass der Mensch gesellschaftlich sehe, höre, rieche, schmecke, fühle, denke, anschaue und tätig sei, wodurch letztendlich klar wird, dass es eben keine mächtige Instanz gibt – Gott schon lange nicht mehr und ebensowenig die Biologie – die uns an der freien Entfaltung hindern könnte. Es existieren keine natürlichen, unabänderlichen Gründe, die noch länger herangezogen werden könnten, um Menschen in ihren Möglichkeiten zu beschränken. Klingt am Ende doch nur nach einer Prise Romantik? Mehr noch – Voß fordert zum Schluss sich selbst und alle anderen auf, an die Utopie einer gerechten Gesellschaft zu glauben und dafür in diesem Moment tätig zu werden. Das tut nach einem Exkurs durch die entwicklungsreichen Jahrhunderte der Gesellschaftskritik, Biologie und Genetik gut. Es rüttelt wach und motiviert zum Überdenken der persönlichen Einstellung. Mensch kann ja zur Sicherheit das schwarz-pinke Büchlein in die Hosentasche stecken, um für Diskussionen aller Art („Aber Frauen haben doch nun mal nicht so viele Muskeln wie Männer!“, „Aber es sind schon immer Männer jagen gegangen und Frauen haben Kinder bekommen“, „Aber es gibt nun mal bestimmte Gene, die für die Ausbildung eines bestimmten Geschlechtes zuständig sind.“…) mit Argumenten und weitreichender Sicht ausgerüstet zu sein. Voß gelingt mit seinen tiefgreifenden und zugleich anschaulichen Ausführungen mehreres: Er stellt den Terminus der ‚Natürlichkeit‘ in Frage und schafft Klarheit sowie Optimismus gegenüber der Hoffnung, dass wir etwas verändern können.

– Lilith

Heinz-Jürgen Voß: „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“
1. Auflage 2011, 180 Seiten, 10 €.
ISBN 3896576631
http://www.schmetterling-verlag.de

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